Angepasst & spaβfrei: unser austauschbarer Lebensstil?

Gepostet von am 1. Juni 2015 in beliebte Themen, Lebensfreude, persönlicher Erfolg, Selbstbewusstsein, Zeitenwende | Keine Kommentare

Angepasst & spaβfrei: unser austauschbarer Lebensstil?

Wann hast du das letzte Mal Dopamin verschleudert? So richtig aus voller Kehle gelacht, bis die Tränen liefen? Einfach mal getan, anstatt vorher alles be- und zerdacht zu haben? Ach wir alle sind so unheimlich vernünftig geworden. Wir streben nach Stabilität, Sicherheit und Lebensfreude. Dafür opfern wir Neugier, Risiko und Spaβ. Und wenn schon. Oder?

Wenn man auf die Facebook-Profile linst, könnte man glatt meinen, dass wir alle Hipster seien. Jeder Schnappschuss ein Meisterwerk, jeder Post ein kleines Wow-Erlebnis und jeder noch so beiläufig wirkende Kommentar in Wahrheit ein ausgeklügelter Eigen-PR-Schachzug. Wir setzen uns gehörig in Szene – zumindest auf dem Papier – oder treffender: am Bildschirm. Die Lebensläufe überlassen wir mittlerweile den Profis, denn diese können sie erfolgreich für uns aufpimpen. Die LinkedIn oder Xing-Profile erwecken den Eindruck, dass jeder ein Leader ist – und das sind wir ja auch, oder vielleicht doch nicht? Ach was soll`s! Hauptsache die Leute glauben es.

Die Suche nach dem Selbst

Doch wie schaut`s denn wirklich aus in uns? Was für ein Leben leben wir? Welches Leben lebst du?

Ich staune seit einiger Zeit darüber, dass meine Klienten in der Coaching-Praxis immer jünger werden. Während ich üblicherweise Menschen in ihrer Lebensmitte auf dem Weg zu mehr Lebensfreude begleite oder sie dabei unterstütze, nach einem Burnout zu neuer Kraft und neuen Zielen zu finden, nehmen immer mehr Jugendliche und Twens neuerdings meine Dienste in Anspruch. Sie suchen nach sich selbst. Viele haben sich im Schulalltag in verschiedene Rollen gezwängt, um den vermeintlichen Erwartungen anderer besser gerecht werden zu können oder um anderen schlichtweg zu gefallen. Sie haben sich so sehr angepasst, dass sie darüber hinaus vollkommen vergessen haben, was ihnen selbst Freude macht und welche Fähigkeiten in ihnen stecken – wer sie eigentlich überhaupt selbst sind.

Doch irgendwann ist auch die Schule beendet und der eigene Lebensweg geht weiter. Was nun? Selbst an diesem Punkt entscheiden sich viele Jugendliche für einen „vernünftigen“ Weg, der Sicherheit und sozialen Aufstieg verspricht. Nicht selten in Übereinstimmung mit den Anregungen der Eltern. Also wurschtelt man sich durch Ausbildung oder Studium und strengt sich ordentlich an. Dann kommt schon der Erfolg. Das sagen ja zumindest die anderen. Denn ohne Fleiβ, kein Preis. Also strengen wir uns an und leben angepasst an die Anforderungen unseres Gesellschaftssystems.

Im Artikel „Die Sehnsucht nach Anpassung“  zitiert Jean-Martin Büttner die deutsche Kultursoziologin Cornelia Koppetsch: «Die junge Generation glaubt nicht mehr an den kollektiven Aufstieg und hofft ebenso wenig auf eine radikale Veränderung, der Verhältnisse.» Angepasst zu leben bedeutet also für viele bessere Aussicht auf Erfolg – zumindest aber den Statuserhalt. Denn in Zeiten, in denen die Mittelschicht immer weiter schwindet, versucht man zumindest den sozialen Abstieg zu vermeiden. Frau Koppetsch sieht sich durch Studien bestätigt, die die Tendenz zur Angepasstheit der neuen Generation bestätigen.

Einzigartigkeit war gestern – heute sind wir Normcore

Die New Yorker Marketing-Agentur K-Hole liefert auch gleich einen neuen Namen für das Phänomen: „Normcore“. Im Artikel „Extrem angepasst: „Normcore“ macht das Leben an der Uni entspannter“ schreibt Karin Cerny darüber, dass sogar der Look der Studenten immer einheitlicher werde. Der Druck, etwas Besonderes ein zu müssen, würde eingetauscht gegen die Sicherheit der Anpassung. „Wenn ich so aussehe wie die anderen, dann gehöre ich dazu“, könnte die Motivation dieses Verhaltens sein. Niemand möchte mehr auffallen, aus dem Raster fallen und irgendwie anders sein.

Doch der Anpassungs-Virus begrenzt sich nicht nur auf die Jungen. Nein, er grassiert unter uns allen. Mich hat es vor kurzem auf eine Ü-30 Party verschlagen. Ich hatte Lust, mal wieder zu tanzen und Spaβ  zu haben. Als ich dann am Ort des Geschehens eintraf, dachte ich zuerst, ich sei auf einer Ü-60 Party mit lauter gelifteten Leuten, die einfach jünger aussahen. Irrtum: alle waren genau wie ich zwischen 30 und 50. Das Partyvolk nippte umherblickend an seinen Cocktailgläsern, wankte dabei von rechts nach links und stand nach einer Stunde noch genau am gleichen Fleck wie zuvor. Gähn… Ach hätte ich mir nur den Film angeschaut, der im Fernsehen gelaufen wäre. Da hätte ich mehr Nervenkitzel erlebt…

Kaum jemand traut sich noch aus sich heraus zu gehen, mal wirklich einen drauf zu machen und tatsächlich Spaβ zu haben. Die meisten Menschen haben sich unbewusst eine Spaβ-Diet verordnet und leben im Korsett der Anpassung. Bloss nicht auffallen. Was würden denn sonst die anderen denken?

Wir denken was wir sollen und sagen nicht, was wir denken

Aus gesellschaftlicher Sicht ist jedoch der bedenklichste Aspekt der Anpassung der der geistigen Form. So viele von uns hinterfragen das tägliche Geschehen, Medienberichte, Gelesenes oder Gehörtes sowie Firmenversprechen kaum noch. Wir nehmen die Geschehnisse am Rande aus dem Augenwinkel wahr und lassen geschehen. „Was kann ich denn schon tun?“ Mit dieser Einstellung lassen wir Geschichte schreiben, statt diese selbst zu gestalten. Wir überlassen den anderen das Denken und am besten auch gleich das Handeln, da wir Wichtigeres zu tun haben. Und die anderen sind dann die jüngeren, die älteren, die schlaueren, die reicheren, die Zeit-habenden usw. Nur eben nicht man selbst. Und wenn uns doch auffällt, dass etwas stinkt, dann behalten wir es lieber für uns. Denn wer weiss, ob man sich mit seiner Meinung am Ende nicht in die Nesseln setzt und sich die Gunst der anderen verdirbt. Heutzutage gilt es als absolut verpönt, sich über Politik, Glaubensfragen und Sinnfragen zu unterhalten oder gar Kriege in Frage zu stellen. Man könnte ja auf andere Meinungen und Sichten stoβen. Oh mein Gott! Das wäre dann wohl das persönliche gesellschaftliche Armageddon.

Ich wünsche mir…

Mehr Mutige. Mehr Freigeister und Menschen, die sich trauen, zu leben. Ich wünsche mir Leute um mich herum, die auch mal anecken, dafür aber Profil besitzen. Die nicht Normcore sind, sondern sie selbst und die mit Neugier und offenen Augen und kritischen Fragen die Welt entdecken und durch ihre Art und Einzigartigkeit zu einem bunten Ort machen. Ich wünsche mir mehr Lachen und mehr blöde Witze, weniger geradlinige Lebensläufe, dafür aber zwischen den Zeilen gelebtes Leben und spannende Geschichten. Denn früher haben solche Menschen noch Karriere gemacht und sitzen heute in den Chefetagen. Schade nur, dass sie das vergessen zu haben scheinen. Denn wir alle leben dieses eine Leben hier und jetzt und wer weiss schon, wie das nächste sein wird 😉

In diesem Sinne: carpe diem!

10 Wege, der Anpassung zu entkommen

1. Hör auf, dich mit anderen zu vergleichen. Das bringt sowieso nichts.

2. Schau hin statt weg und handle, wenn du etwas tun kannst.

3. Sei so oft du kannst der Beste, der DU dein kannst.

4. Höre auf deine Intuition anstatt nur auf den Verstand und handle danach.

5. Setz dich für eine Sache ein, die dir wichtig ist. Du bist nicht allein damit.

6. Mach neue körperliche Erfahrungen z.B. im Sport und spüre deinen Körper.

7. Steh zu deiner Meinung auf respektvolle Weise.

8. Lerne Nein zu sagen, anstatt es anderen recht zu machen.

9. Hinterfrage Medienberichte auf Echtheit – suche nach der Wahrheit, statt dir alles servieren zu lassen.

10. Verschiebe Schönes nicht auf später. Lebe jetzt!


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