Muss Abschied nehmen immer wehtun?

Gepostet von am 29. Oktober 2014 in Freunde, Gelassenheit, Lebens-Wendepunkte | Keine Kommentare

Muss Abschied nehmen immer wehtun?

Gastbeitrag von Nicole Stadler
Immer wieder bin ich wieder gerne am Flughafen – auch ohne selber zu verreisen. An diesem lebhaften Ort zu sein, wo Aufbruchstimmung herrscht, wo es nach Abenteuer riecht und der Pulsschlag des Lebens einen anderen Rhythmus annimmt: Manchmal einen fiebrigen, hektischen, manchmal einen erfreuten, von Vorfreude erfüllten Takt. Ich sehe Reisende, die von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt alle Gefühlszustände durchleben, wenn sie Abschied nehmen und in ein neues Land und manchmal in einen neuen Lebensabschnitt aufbrechen.

Auch wenn ich diese Menschen nicht kenne, so berührt es mich doch stets aufs Neue, solche Intensität und Lebendigkeit mitzuerleben. Und ab und zu ist man auch selbst hundertprozentig involviert. Man erfährt, wie andere Menschen das Thema „Abschied“ erleben und von welcher Seite sie es betrachten.

Kürzlich hat sich ein enger Freund von mir verabschiedet, der für ein halbes Jahr geschäftlich nach Asien ging. Er war unheimlich traurig – und das tagelang. Das war sein alles überschattender Gefühlszustand. Er war traurig, sich von seinen Eltern und Geschwistern verabschieden zu müssen, von seinen Freunden und von seinem Leben in der Schweiz. Er hatte das Gefühl, er lasse nun so Vieles zurück, das ihm wichtig sei, und es sei ungewiss, wann man sich wieder sehe. Natürlich kann ich ihm gut nachfühlen. Einerseits. Die Ungewissheit und die Verlustangst können wahnsinnig schmerzen, wenn man beide als so dominierend erlebt.

Aber es gibt auch eine andere Seite. In mir, einer engen zurückgelassenen Freundin, die nicht weiss, wann sie ihn wieder sehen wird, ist durchaus Wehmut spürbar. Aber vielmehr nehme ich Verbundenheit und Dankbarkeit wahr. Was durften wir alles zusammen erleben. Wie oft haben wir gelacht, intensiv gelebt und stundenlang diskutiert. Aus meiner Perspektive ist die Dankbarkeit für unsere Freundschaft und die Tiefe, die entstanden ist, viel grösser als jede Traurigkeit. Ich fokussiere mich darauf, und nicht auf das Gefühl des Vermissens. Zudem glaube ich ganz fest, dass alles, was zusammengehört, immer wieder zusammenfindet. Und dass wir in unserem Leben immer neue, wunderbar berührende Erfahrungen mit ganz vielen Menschen machen dürfen, wenn wir offen dafür sind. Das Herz ist dann weit und großzügig in seiner Qualität, der Pulsschlag im übertragenen Sinne warm und stetig. Da lähmt uns falsch verstandene, zu lang zelebrierte Traurigkeit. Und das sagt nichts aus über die Qualität und Tiefe der Freundschaft.

Meine Lektion ist, jeden Moment, so gut es nur geht, mit Intensität und Freude zu leben. Möglichst präsent zu sein. Nicht zu weit in die Zukunft zu planen. Den Moment zu genießen. Emotionen zuzulassen, Tiefe zuzulassen. Allem in meinem Leben Gewicht zu geben, das meine Lebenslust erhöht. Alles andere zu reduzieren. Das bedeutet, ganz konsequent verstanden, dass man weniger Kompromisse macht und aussortiert, was noch zu einem passt, und was eben nicht. Einmal habe ich einen Mann kennengelernt, mit dem ich einige sehr spannende Rendez-Vous‘ hatte. Wir verbrachten lustige Abende zusammen und verstanden uns großartig. Doch jedes Mal, wenn wir uns verabschiedeten, tat er dies unglaublich zügig und kühl. Ich dachte mehrere Male, dass es das dann wohl gewesen sei. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand sich so kaltherzig verabschieden und gleichzeitig Gefühle für mich haben könnte. Ich täuschte mich – er meldete sich jeweils kurz darauf sehr liebevoll bei mir. Für ihn war das gar kein Thema, er hatte nie darüber nachgedacht. Offenbar hatte er einfach ein ganz grundsätzliches Problem mit Abschied nehmen – mit mir hatte das nichts zu tun. Er war wohl überfordert und wollte nicht, dass zu viele Emotionen aufkommen würden. Als ich ihn dann besser kennen lernte, wurde das immer offenkundiger. Sobald etwas Nähe aufgebaut war, musste er gehen oder vom Thema ablenken. Nun, ich denke dann immer, jeder lernt seine Lektionen in seinem eigenen Tempo – so wie jeder Puls seinen eigenen Takt lebt – der ihm entspricht. Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass jemand sich anders, schneller oder bewusster entwickelt, als er es eben gerade tut. Aber ich bin immerhin für mich verantwortlich und da gibt es schon genug zu tun. Sich immer wieder zu fragen, wo man jetzt steht, welche Gefühle gerade vorherrschen und welcher Gedanke diese ausgelöst hat – und dadurch wieder klar zu sehen. In den Moment zurück zu kommen und Gefühle zuzulassen, genau das macht uns lebendig. Intensität hält uns am Leben. Und die passiert nicht primär im Kopf. Deshalb freue ich mich, auch Abschiede emotional zu leben und reiche Intensität zuzulassen, auch dann, wenn sie mal weh tut. Und danach mit Freude nach vorne zu schauen – auf neue Begegnungen und Bereicherungen.

Autorenprofil

Nicole StadlerNicole Stadler ist Historikerin und Journalistin und hat während zehn Jahren im Human Resources Bereich vielfältige Erfahrungen gesammelt, u.a. bei Google Schweiz. Seit vier Jahren leitet sie ihre eigene Firma im Rekrutierungsbereich in Zürich. Sie coacht leidenschaftlich gern Menschen, die sich selber besser kennen lernen möchten und unterstützt sie darin, ihren ganz eigenen Weg zu entdecken und lebendig zu gestalten. Speziell die Themen Erfüllung/Fülle im Leben, Potenzial-Entfaltung und Achtsamkeit im Umgang mit sich selber und der Umwelt liegen ihr am Herzen.

www.nicolestadler.com


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