Loslassen als guter Rat?

Wie oft hast du schon gehört: „Du musst loslassen, dann kannst du endlich einen Schritt weitergehen.“ Insbesondere in Beziehungsangelegenheiten hört man diesen Satz nicht selten von Freunden und  überhaupt von allen Seiten.

Das Tückische daran ist, dass die Ratgeber einerseits Recht haben und andererseits dabei übersehen, dass es für alles die richtige Zeit gibt. Und übereiltes Loslassen führt nicht selten zur Verdrängung. Gerade wenn man etwas aufgeben MUSSTE, was einem lieb war (sei es ein Job, eine Freundschaft oder ein Partner), ist es für den Betroffenen eben alles andere als einfach, einfach mal loszulassen und sich locker zu machen. Und das ist auch gut so. Denn wirkliches Loslassen beinhaltet einen Prozess, der sich in verschiedenen Stufen vollzieht. Und genau so, wie man nicht laufen lernen kann, bevor man gekrabbelt hat, kann man nicht einfach loslassen, bevor man nicht seinen eigenen inneren Verarbeitungsprozess vollzogen hat und wirklich bereit ist, loszulassen.

Wie ich meine erste große Liebe loslassen konnte

Ich möchte dir hierzu meine Geschichte des Loslassens erzählen über die Liebe. Meine erste wirklich große Liebe war leider eine sehr knifflige Angelegenheit. Ich hatte mich verliebt in einen Mann, der nicht nur ein Workoholic war, sondern auch noch in einer langjährigen Beziehung steckte. Nicht gerade ruhmreiche Aussichten für ein Happy End. Nichtsdestotrotz war bei unserer ersten Begegnung klar, dass wir beide mehr als eng verbunden waren. Es war Liebe auf den ersten Blick und wir begaben uns in diese Beziehung mit ordentlichem Gegenwind. Doch das Gefühl, eins zu sein, wenn wir zusammen waren, das war beständig durch alle Widerstände hinweg.

Beziehung loslassenDurch die zeitliche Eingebundenheit meines Freundes, waren wir dazu verdammt, eine mehr oder weniger virtuelle Beziehung in Form von Emails und Nachrichten zu leben. Die Treffen waren immer sehr intensiv und wir spürten beide jedes Mal unsere Seelennähe. Doch die schriftliche Kommunikation wurde zusehends zu einem Tretminenfeld. Wir lasen mehr zwischen den Zeilen und jeder interpretierte seine eigenen Glaubenssätze in jede Korrespondenz und so braute sich nach und nach ein wirklich unerträgliches Beziehungs-Dilemma voller unerfüllter Erwartungen und Sehnsüchte zusammen.

Das ist übrigens die ungeahnte Nebenwirkung der meisten virtuellen Beziehungen (auch Online-Flirts). Wir interpretieren zuviel von uns und unseren Erwartungen in eine Beziehung und den Partner hinein als tatsächlich in Realität besteht. Wir erschaffen uns ein Bild von unserer Beziehung und projizieren alle möglichen Eigenschaften in den Partner, die er gar nicht besitzt. Es ist eine Phantasie-Beziehung.

Meine beste Freundin riet mir wahrscheinlich 100 Mal: „Lass doch diesen Mann endlich los! Der tut dir überhaupt nicht gut und raubt dir jede Energie.“ Und sie hatte Recht. Ich wusste das und mein Verstand wusste es auch. Aber mein Herz war noch nicht soweit, diese Beziehung loszulassen, zumal sich mein Freund in der Trennung von seiner Freundin befand und ich dachte, dass es danach leichter werden würde. Aber jedes Mal, wenn ich ihm emotional zu nahe kam, schubste er mich weg und wir spielten dieses Gefühls-Ping-Pong über viele Monate hinweg. Und in der Zwischenzeit hatte ich immer wieder Phasen des Loslassens.

Ich habe ja schon einmal über Elisabeth Kübler-Ross geschrieben und darüber, dass Trauer in fünf Phasen durchlebt wird – so ein Trennungsprozess übrigens auch.

Dies sind die 5 Phasen der Trauer, die wir auch beim Loslassen durchleben:

  1. Nicht wahrhaben wollen – das kann doch nicht sein, das meint er ja sowieso nicht ernst…
  2. Wut – so ein Idiot! Wie kann er nur!
  3. Verhandeln – Na vielleicht hat er es ja nicht so gemeint? Vielleicht schaffen wir das doch noch irgendwie?
  4. Depression – Er liebt mich einfach nicht! Ich fühle mich so elend! Wie konnte das so schief laufen?
  5. Akzeptanz – Irgendwie fehlt er mir nicht und es geht mir viel besser ohne ihn.

Und genau diese Phasen habe ich immer wieder emotional durchgekaut und es wurde tatsächlich von Mal zu Mal leichter und schneller, bis ich eines Tages merkte, dass sein neuester Distanz-Versuch keinerlei Emotionen und keine inneren Widerstände bei mir mehr verursachte, sondern mich bereits belustigte, da es so vorhersehbar war.  Und dann konnte ich wirklich loslassen.

Auf dein Bauchgefühl kommt es an und auf das richtige Timing

loslassenWenn dir also jemand mal wieder den Rat gibt, nun doch einfach loszulassen, dann höre auf dein eigenes Gefühl und finde heraus, ob du auch selbst nun bereit und entschlossen bist, etwas oder jemanden loszulassen. Denn wenn du von innen heraus noch nicht bereit bist, wirst du einfach nur etwas verdrängen und zur Seite schieben und es wird doch immer wieder hochkommen. Dies gilt für einen Job, den du im Grunde nicht mehr möchtest genauso wie für einen Partner.

Finde für dich heraus, welche Stufen der Trauer du schon durchlebt hast und wie sich dein Leben anfühlen würde, wenn du das bestimmte Thema tatsächlich loslässt. Was verändert sich? Welcher neue Raum wird in dir wieder frei? Mach dazu eine Phantasiereise und stell dir dein Leben ohne diesen Job, diesen Partner, dieses Thema vor. Wie fühlt sich das „Neue“ in deinem Leben an?

Denn eins ist gewiss:

Alles, was zu dir und zu deinem Leben wirklich gehört, bleibt dir erhalten. Alles, wofür du immer wieder kämpfen musst und was du künstlich in deinem Leben zu halten versuchst, wird dir Energie rauben und sich früher oder später doch verabschieden. Und alles, was sich aus deinem Leben verabschiedet, gehört auch ganz bestimmt nicht mehr zu dir und macht Platz für etwas Besseres.

Es ist immer einfach, anderen kluge Ratschläge zu erteilen, wenn es einen selbst nicht betrifft. „Ach kündige doch diesen nervigen Job, verlass doch deinen stumpfsinnigen Mann, lass doch das Rauchen einfach sein, triff dich doch nicht mehr mit der Freundin XY, uns so weiter und so fort.“ Spannend ist es erst, wenn es einen selbst betrifft. Denn niemand außer dir selbst kann wirklich fühlen, wann die richtige Zeit zum Loslassen gekommen ist.Und es gibt für alles die richtige Zeit!


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