Du blöde Mama – 5 Anregungen, nicht durchzudrehen

Gepostet von am 13. Juni 2014 in Eltern/Erziehung, Persönliche Geschichten | 2 Kommentare

Du blöde Mama – 5 Anregungen, nicht durchzudrehen

„Kinder? Unbedingt. Zwei möchte ich, genauer gesagt eigentlich zwei Jungs!“ Das war meine Antwort auf die Frage, ob ich Kinder haben wollte; damals, als ich noch keine hatte und die Vorstellung, Kinder zu haben eine romantische, zuckersüße Abbildung war. Ich lebte allein, konnte machen, was ich wollte, probierte mich beruflich aus und mir machte das Leben wirklich Spaß. Meine größten Probleme bestanden aus Gedanken wie: „Ich habe nichts anzuziehen, deshalb kann ich heute Abend unmöglich mitkommen!“ Oder „Mist, ich habe vergessen zu tanken, deshalb stehen wir jetzt hier mitten auf der Straße und keine Tanke weit und breit“. Ein kleiner Liebeskummer gesellte sich hier und da natürlich als Abwechslung auch dazu und machte mir mein schönes Leben zuweilen etwas madig.

Dann passierte es: Ich wurde Mutter! Und von einem Tag auf den anderen platzten über meinem Kopf all die wunderschönen Seifenblasen von Mama-Sein-Vorstellungen und Erziehungstipps. Ping ping ping. Bereits drei Wochen nach der Geburt interessierte es mich nicht nur herzlich wenig, wie meine Haare aussahen, ich war froh, dass ich noch welche hatte. Make-up-Ausgaben hatte ich keine, denn es wäre ja ohnehin direkt abgelutscht worden und anzuziehen hatte ich jede Menge; vorzugsweise das Modell „ich bin dann mal Mama“ im „praktisch-tarnfarben-Look“. Damals dachte ich, wenn meine Kinder erstmal reden können, dann ist alles easy! Dann sagen sie ja, was sie wollen und ich weiß bescheid.

Erziehungstipps„Bobbykaaa Teppe?“ „NEEEEIIIIIINNNNNN!“ … zu spät. Bobbycar-Treppen-Kombination kam gar nicht gut. Kommunikation fand statt, leider war der Empfänger zu langsam auf Empfang geschaltet oder der Sender einfach zu schnell. Die nächste Szene drehten wir dann in der Notaufnahme des Krankenhauses, wo die schöne erste Platzwunde versorgt wurde. Der Auftakt einer Serienbegegnung – man könnte meinen, dass wir zwischenzeitlich ein Krankenhaus-Abo gelöst hätten.

Und das Ganze hatte ich nun im Doppelpack! Spannenderweise dachte ich jedes halbe Jahr, dass dies wohl das härteste Halbjahr meines bisherigen Lebens gewesen sein müsste. Und ich dachte zugleich, dass es ja von nun an einfacher werden würde. Beides ein Irrtum! Ging es ja in den ersten zwei Lebensjahren um permanentes Leben-retten… Aber es ging auch so weiter und für alle, die ein Happy End am Ende meiner Artikel gewohnt sind, gleich vorweg: diesmal gibt es keins. Leben-retten geht weiter!

Für all die grauen Haare, die mir zwischenzeitlich gewachsen sind, habe ich mittlerweile ein ausgefeiltes Grauabdeckungs-Manöver entwickelt. So sieht man es einem wenigstens  nicht schon auf 100 Meter Entfernung an, dass man latent geschlaucht ist.

Meine bisherige Bilanz mit zwei Jungs im Alter von 5 und 7:

  • drei Knochenbrüche mit Gips (2 x Arme und 1 x Bein)
  • 12 Aufenthalte in der Notaufnahme des Kinderspitals
  • Platzwunden versorge ich zwischenzeitlich gekonnt selbst, dafür fahre ich nicht mehr ins Krankenhaus
  • eine verbrannte Hand, weil trotz 100 Hinweisen „Das Feuer ist heiß, Finger weg!“ das Ganze auch dem Praxistest unterzogen werden musste…
  • eine Landung im Fluss mitten im November beim Schwäne-Füttern (Ich spare mir, darauf hinzuweisen, wie oft ich um Vorsicht am Ufer gebeten habe)
  • einmal verschwundenes Kind mit dem halben Dorf suchen, um es beim begeisterten Angeln am Fluss anzutreffen
  • und diverse tägliche Angriffe auf meine Gelassenheit, die hier Seiten füllen würden

Ja, es wird nicht langweilig. Das kann ich dir sagen! Zwangsläufig stolperst du auch irgendwann über die Aussage oder eher den beherzten Ausschrei: „Du blöde Mama!“, weil du mal wieder als Spaßverderberin unterwegs bist und deinem Kind seine Vorhaben verleidest. Und wenn es dir so ähnlich geht und du dich gerade fragst, wie du all das einigermaßen unbeschadet überstehen sollst, hier:

Meine TOP-5-Liste der Anregungen, als Mama nicht durchzudrehen

  1. Liebe mich, auch wenn ich es gerade am wenigsten verdiene

    Diesen Satz habe ich gelesen, als ich noch schwanger war und ich dachte mir noch: Wie gemein! Was kann ein kleines Kindlein schon anstellen, dass die Liebe seiner Mama unverdient sein könnte! Mittlerweile weiß ich, dass Gefühle sehr strapazierbar sein können und durchaus auch in bestimmten Momenten ein innerer Mr. Hyde zum Vorschein kommen kann, wenn zum xten Mal die geweißelte Wand im Wohnzimmer mit Fingerfarben und Edding verschönert wurde oder ein Stück von der Gardine dringend für ein Segel gebraucht und deshalb rausgeschnitten wurde. Wann immer in mir also einsame-Insel-Fantasien aufstiegen, habe ich mir diesen schönen Satz gesagt. Immer wieder in Endlosschleife und siehe da: es hat mich davor bewahrt, durchzudrehen.

  2. Langsam einatmen und tief und laut ausatmen und das drei Mal hintereinander

    Sobald du das Dilemma siehst (und es erwarten dich so einige!) und in dir ein Schwall Keifsätze den Weg nach oben sucht, befolge diesen Tipp. Denn glaub mir: Dein Kind hat keine Ahnung, warum du so durchdrehst und was du da in Endlosschleife von dir gibst. Es hört nur blablablabla… und das ziemlich laut. Diese Technik hat bei mir bewirkt, dass schonmal der erste Schwung (gemeiner) Gedanken weggeatmet wurde und übrig blieb dann eine relativ verständliche und klare Reaktion wie zB.: „So, du hattest deinen Spaß und nun bring das wieder in Ordnung.“ Kein Gekeife und keine Schnappatmung.

  3. „Was wollte er/sie entdecken?“

    Egal wie schlimm das Ausmaß der Katastrophe ist, unsere Kinder sind Forscher und Entdecker und du kannst sicher sein, dass sie niemals mit Absicht etwas tun, um dich zu verärgern. Denn die Liebe eines Kindes zu seiner Mama ist stärker als jede andere zwischenmenschliche Verbindung. Dein Kind will IMMER von dir anerkannt und geliebt werden und versucht sein Bestes zu geben, um dies zu erreichen. Wenn es also wieder zum 100sten Mal etwas angestellt hat, dann sicher nur, weil es etwas Bestimmtes herausfinden wollte. In diesem Fall schaue ich  meist ziemlich hilflos aus der Wäsche und frage einfach: „Na, was hattest du denn vor, als du das gemacht hast?“ Meistens kommt eine wirklich rührende Begründung und Sicht auf die Dinge, die mich im Herzen berührt und die mich mein Kind wirklich verstehen lässt.

  4. Was bei unserem Hund klappt, funktioniert noch lange nicht bei Kindern

    Ein ganz wunderbarer Erziehungstipp von Elternratgebern ist, unerwünschtes Verhalten zu ignorieren. Bei unserem Hund funktioniert das prima, bei unseren Jungs ist dies hingegen eine stille Zustimmung oder auch ein lautloser Applaus. Nicht gemotzt ist quasi gelobt. Ich verfahre da nach der Devise: Steter Tropfen höhlt den Stein und gebe immer wieder die gleiche Leier zum Besten. Besonders schlimm finde ich die Geschwisterstreitereien – die zuweilen einem Gladiatorenkampf ähneln. Ignorieren heißt in diesem Fall meistens: einer braucht medizinische Versorgung; meistens Pflaster oder Taschentuch. Deshalb ist bei uns Nahkampf tabu und wer diese Regel ignoriert, darf sich allein vergnügen und hat Einzelhaft im Zimmer. Dieses Spielverbot mit dem besten Freund/größtem Feind wirkt wie Zaubermedizin. Schon nach kürzester Zeit schleichen beide zueinander ins Zimmer und spielen heimlich, aber friedlich miteinander und verbrüdern sich gegen die Mama. Na bitte: geht doch 😉

  5. Familienkonferenz

    Jeden Abend breiten wir eine kleine Decke in einem der Kinderzimmer aus, stellen eine Kerze drauf und die Jungs dekorieren noch etwas dazu. Alle Familienmitglieder sitzen im Kreis auf dem Boden und jeder erzählt, was er an diesem Tag toll und was er blöd fand. Auf diese Weise können wir alle unser Gefühle mitteilen und die Kinder erfahren auch, wenn mir als Mutter ihr Verhalten zu anstrengend wurde oder was ich mir konkret wünsche. Sie wissen, was uns als Eltern Freude bereitet und wir erfahren, was ihnen wichtig ist oder auf der Seele brennt. Durch die Familienkonferenz lernen wir unsere Kinder erst richtig kennen und erfahren, was über den Tag los war. Seit wir die Familienkonferenz durchführen, beachten unsere Kinder auch unsere Grenzen und Bedürfnisse wesentlich verständnisvoller als früher. Engel sind sie immer noch keine, aber das sind ja wir auch nicht, oder? 😉

So, dann hoffe ich, dass dir diese Zeilen eine kleine Inspiration sind, den härtesten Job der Welt weiterhin voller Freude auszuüben. Kündigen ist zwecklos, denn du hast sozusagen Beamtenstatus – unkündbar, also. Also machen wir das Beste draus. So hart es auch manchmal sein kann, nichts auf der Welt berührt dein Herz so aufrichtig, wie die Liebe deines Kindes. Und wenn es in einer Glatze enden würde, ich würde meine beiden Jungs um nichts in der Welt hergeben oder tauschen wollen.

Auch wenn sich so manches Mal meine Augäpfel nach innen stülpen wollen, so überwiegen die wunderschönen Momente der Nähe und Liebe zwischen mir und den Kindern absolut und  ich freue mich auf all die kleinen Wunder, die noch auf uns gemeinsam warten.

 

 


2 Kommentare

  1. Hallo Evelyn,
    ich stöbere seit Tagen durch deine Homepage. Besonders angetan hat mir dein Text darüber wie aus Liebe Freundschaft wird. Aber dazu vielleicht ein anderes mal mehr. Heute Frage ich mich was mein Sohn 3 Jahre damit bezweckt wenn er mich aus einem Impuls heraus in den Arm beisst weil ihm nicht gefällt das der Film nach der abgesprochenen halben Stunde wirklich ausgemacht wird. ???????? Er hat mit seinen drei Jahren richtige Wutanfälle und schmeißt alles runter und durch die Gegend. Es ist mir ein Rätsel. Naja lieben Gruß Inger

    • Liebe Inger,
      Deinem Sohn passt es einfach nicht, dass er seinen Willen nicht bekommt, da er noch gar kein Zeitverständnis hat und eine halbe Stunde nicht umreissen kann. Er beisst dann aus Frust, weil der Film aus ist. So einfach ist das. Am besten funktioniert meistens Ablenken und ihm etwas anderes aufzuzeigen, das ihr zusammen machen könntet wie z. B. rauszugehen, ein Buch anzuschauen oder etwas zu spielen. Dann ist der Film schnell vergessen. Das Beissen ist allerdings etwas, das nicht ok ist und worauf du auf jeden Fall energisch reagieren solltest, in dem du ihm sagst, dass dir das weh tut und dass er das nicht machen darf. Ich habe meinem Sohn in solchen Situationen gesagt, dass ich nicht mit einem Kind spiele, das beisst. Nach Beissvorfällen musste er sich eine Zeit lang selbst beschäftigen. „Wenn du mit anderen spielen möchtest, dann darfst du nicht beissen. Wenn du beisst, weiss ich also, dass du lieber allein sein magst.“ So hat er die Wahl.
      Liebe Grüsse
      Evelyn

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